Warum fällt Veränderung manchmal so schwer?
- Gabi Poegel
- vor 5 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Ein traumasensibler Blick auf innere Anteile und das Nervensystem
"Eigentlich möchte ich loslegen … und gleichzeitig fällt es mir schwer, den ersten Schritt zu machen."
Vielleicht kennst du solche Momente.
Du möchtest jemandem ehrlich sagen, was dich beschäftigt – und entscheidest dich im letzten Moment doch zu schweigen.
Du freust dich auf eine neue Aufgabe – und bemerkst gleichzeitig, dass etwas in dir noch zögert.
Du nimmst dir vor, besser auf deine eigenen Bedürfnisse zu achten – und sagst am Ende doch wieder Ja, obwohl du eigentlich Nein meinst.
Solche Erfahrungen gehören zum Menschsein.
Vielleicht lohnt es sich, sie nicht als Widerspruch zu betrachten, sondern als Einladung, neugierig hinzuschauen.
Wenn unterschiedliche Anteile Unterschiedliches möchten
In der traumasensiblen Begleitung werden solche inneren Bewegungen häufig mit dem Modell der inneren Anteile beschrieben.
Dieses Modell geht nicht davon aus, dass wir aus verschiedenen Persönlichkeiten bestehen. Es beschreibt vielmehr, dass unterschiedliche Anteile in uns unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse oder Schutzstrategien mitbringen können.
Vielleicht kennst du Situationen, in denen unterschiedliche Anteile Unterschiedliches möchten.
Ein Anteil freut sich auf etwas Neues.
Ein anderer möchte lieber noch etwas abwarten.
Ein Anteil wünscht sich Nähe.
Ein anderer braucht Abstand.
Ein Anteil möchte sichtbar werden.
Ein anderer sorgt sich darum, wie andere reagieren könnten.
Aus einer traumasensiblen Perspektive geht es dabei weniger darum, welcher Anteil „Recht hat".
Interessanter kann die Frage sein:
Welche Funktion könnte dieser Anteil haben?
Jeder Anteil entwickelt sich im Laufe unseres Lebens in einem bestimmten Zusammenhang.
Er bringt seine eigene Perspektive mit und kann dazu beitragen, dass wir mit Herausforderungen umgehen, Beziehungen gestalten oder schwierige Erfahrungen bewältigen.
Sie kennenzulernen, kann neue Möglichkeiten eröffnen.
Das Nervensystem als stiller Begleiter
Unser Nervensystem begleitet uns in jedem Moment.
Es verarbeitet fortlaufend Eindrücke aus unserer Umgebung und aus unserem Inneren und trägt dazu bei, wie wir Situationen erleben.
Mit den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, verändert sich auch die Art und Weise, wie unser Nervensystem auf bestimmte Situationen reagiert.
Manchmal fällt es leicht, neugierig zu sein, Neues auszuprobieren oder mit anderen in Kontakt zu gehen.
In anderen Momenten werden wir vorsichtiger.
Vielleicht beobachten wir zunächst.
Vielleicht wünschen wir uns Orientierung.
Vielleicht brauchen wir etwas mehr Zeit.
Solche Reaktionen laden dazu ein, neugierig zu erkunden, was in diesem Moment gerade gebraucht wird.
Sie können Hinweise darauf sein, wie unser System in diesem Moment versucht, mit einer Situation umzugehen.
Welche Bedeutung sie haben, lässt sich von außen nicht beurteilen.
Ein traumasensibler Blick lädt deshalb dazu ein, vorschnelle Erklärungen zu vermeiden und stattdessen aufmerksam wahrzunehmen, was sich gerade zeigt.
Die Landkarte unserer inneren Welt
Ich mag die Metapher der Landkarte.
Nicht, weil sie einfache Antworten liefert.
Sondern weil sie mich daran erinnert, dass wir nie alles über uns selbst kennen.
Auf einer Landkarte gibt es Wege, die vertraut sind.
Es gibt Orte, an denen wir uns gut orientieren können.
Und es gibt weiße Flächen – Bereiche, die wir bisher noch kaum entdeckt haben.
Nicht, weil dort nichts wäre.
Sondern vielleicht, weil wir bisher wenig Gelegenheit hatten, sie zu erkunden.
Vielleicht verhält es sich mit manchen unserer Ressourcen ähnlich.
Manches steht uns leicht zur Verfügung.
Anderes zeigt sich erst unter bestimmten Bedingungen.
Vertrauen.
Gelassenheit.
Kreativität.
Mut.
Oder die Fähigkeit, gut für sich selbst zu sorgen.
Vielleicht geht es deshalb weniger darum, nach dem zu suchen, was fehlt.
Vielleicht lohnt sich vielmehr die Frage:
Unter welchen Bedingungen könnten diese Ressourcen leichter zugänglich werden?
Diese Perspektive verändert den Blick.
Entwicklung bedeutet dann nicht, jemand anders werden zu müssen.
Vielleicht bedeutet sie vielmehr, nach und nach mehr von dem zu entdecken, was bereits in uns angelegt ist.
Verstehen statt bewerten
Wenn wir auf Schwierigkeiten stoßen, wünschen wir uns oft schnelle Antworten.
Manchmal beginnt Veränderung jedoch mit etwas anderem.
Mit Neugier.
Mit Beobachtung.
Mit der Bereitschaft, das eigene Erleben ernst zu nehmen, ohne es sofort erklären oder verändern zu müssen.
Vielleicht helfen Fragen wie diese:
Was nehme ich gerade wahr?
Was ist mir in dieser Situation wichtig?
Welche Bedürfnisse könnten gerade eine Rolle spielen?
Was würde sich im Moment unterstützend anfühlen?
Nicht jede Frage führt unmittelbar zu einer Antwort.
Doch manche Fragen eröffnen einen Raum, in dem neue Möglichkeiten entstehen können.
Entwicklung braucht gute Bedingungen
Persönliche Entwicklung entsteht selten allein durch Willenskraft.
Auch Beziehungen, Erfahrungen von Sicherheit, Zeit, Wohlwollen und passende Rahmenbedingungen können dazu beitragen, dass sich Neues entwickeln darf.
So wie ein Samen günstige Bedingungen braucht, um zu wachsen, entwickeln sich auch unsere Fähigkeiten nicht unabhängig von unserem Umfeld.
Vielleicht beginnt Entwicklung manchmal mit einem kleinen Schritt.
Mit einem Gespräch.
Mit einer neuen Erfahrung.
Oder mit der Erlaubnis, sich selbst mit etwas mehr Freundlichkeit zu begegnen.
Eine Einladung zum Weiterdenken
Vielleicht kennst du Situationen, in denen unterschiedliche Anteile Unterschiedliches möchten.
Vielleicht ist ein Anteil bereit für den nächsten Schritt.
Während ein anderer noch Zeit braucht.
Beides darf da sein.
Ein traumasensibler Blick versucht nicht, diese Vielfalt aufzulösen.
Er lädt vielmehr dazu ein, sie besser kennenzulernen.
Nicht jede Frage braucht sofort eine Antwort.
Manchmal beginnt etwas Neues bereits dort, wo wir bereit sind, unser inneres Erleben mit etwas mehr Neugier zu betrachten.
Und manchmal entdecken wir dabei Wege, die bisher außerhalb unserer Aufmerksamkeit lagen.
Wenn du weiterforschen möchtest
In meinen Coachings, Fortbildungen und Reflexionsräumen verbinde ich einen traumasensiblen Blick mit Wissen über das Nervensystem, Beziehungen und innere Anteile.
Es geht dabei nicht darum, Menschen zu bewerten oder fertige Antworten zu geben.
Ich möchte Räume schaffen, in denen Beobachtung, Reflexion und gemeinsames Erkunden möglich werden – damit sich neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten entwickeln können.




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